Kleine Schreibschule Teil 2: Stilkunde

Bookmark and Share

Thomas Mann 1937: Einer der ganz Großen (Foto: Carl van Vechten)

Was ist guter Stil? Eins ist schon mal klar: Lieber gar keinen Stil als einen schlechten. Ich meine: Wenn ein Text seltsame Eigenheiten aufweist, dann gilt diese Ausrede ganz gewiss nicht: „Das ist eben mein Stil“. Nein, Günther Grass hat seinen Stil, auch Thomas Mann hatte ihn. Aber: Um einen eigenen Stil zu entwickeln, muss man erst das Schreib-Handwerk perfekt beherrschen. Und wer kann das schon von sich behaupten? Wolf Schneider, der Stil-Papst schlechthin, hat schon jede Menge zum Thema Stilkunde publiziert. Wer sich sein „Deutsch für Profis“ noch nicht reingezogen hat, der bekommt hier von mir hier eine leicht verdauliche Zusammenfassung.

Wolf Schneider kennt sich wohl aus: Immerhin war er Ausbilder an fünf Journalistenschulen, Lehrer für lesbares Deutsch in Wirtschaft, Medien und Behörden, Autor zahlreicher Sachbücher, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Verlagsleiter des Stern, Chefredakteur der Welt, TV-Moderator und 16 Jahre Leiter der Hamburger Journalistenschule.

„Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ Dieses Zitat stammt von Joseph Pulitzer (nach dem der Preis benannt ist). Darin ist alles enthalten, worauf wir achten sollten. Deshalb gehe ich die einzelnen Punkte hier durch:

„Schreibe kurz“

Damit ist die Länge des Textes gemeint. Im Netz sollten wir keine Bleiwüsten hinterlassen, aber das ist ja weithin bekannt. Doch wenn ich wirklich spannende und lesenswerte Informationen liefere, dann lesen die User gerne weiter und scrollen auch mal am Bildschirm runter. Eine Richtlinie könnte lauten: 250 bis 300 Wörter werden noch gelesen, mehr ist fast schon wieder zu viel. Außer ihr publiziert einen akademischen Fachartikel. Eure Leserschaft, Studenten und Fachleute, werden euch dafür lieben, wenn ihr VIEL schreibt.

Aber wir wollen uns auch die Länge der Sätze ansehen.
Der Deutschunterricht und meistens auch akademische Arbeiten förderten die Redundanz, das Zeilenschinden. Je mehr Text desto besser. Eine Unart, die häufig damit einherging, die Sätze mit vielen Relativsätzen auszudehnen. Die deutsche Sprache bietet dafür einen hervorragenden Nährboden. Verglichen mit dem Englischen benötigt das Deutsche mehr Wörter für den gleichen Inhalt. Diese Erfahrung macht jeder, der schon einmal englische Texte übersetzt hat.

Lesbarer und verständlicher sind kurze Sätze und einfache Strukturen.
Warum ist das so? Unsere gefühlte Gegenwart findet in zwei bis drei Sekunden statt. Überschreitet das Lesen eines Satzes diesen Zeitrahmen, empfinden wir ihn als anstrengend und schwer verständlich. Benötigen wir beim Lautlesen eines Satzes eine Atempause, sollten wir uns überlegen, ob wir nicht besser zwei Sätze daraus machen. Zu viele Relativsätze machen das Lesen mühsam, deshalb vermeiden wir besser eingeschobene Relativsätze. Der Kardinalfehler: Mehr als 6 Wörter zwischen zwei Verb-Bausteinen.

Schlecht lesbar:
Goa, das an der mittleren Westküste, der so genannten Konkan-Küste liegt und mit 1,4 Millionen Einwohnern den kleinsten indischen Bundesstaat darstellt, ist vom Einfluss einer Jahrhunderte alten portugiesischen Kolonialzeit und deshalb von europäischem Gedankengut  geprägt wie kaum eine andere indische Region.

Besser lesbar:
Goa liegt an der mittleren Westküste, der so genannten Konkan-Küste. Der mit 1,4 Millionen Einwohnern kleinste Bundesstaat ist vom Einfluss einer Jahrhunderte alten portugiesischen Kolonialzeit geprägt wie kaum eine andere indische Region. Deshalb finden sich dort noch viele Zeugnisse von europäischem Gedankengut.

Das bedeutet aber nicht, dass wir nur kurze Sätze aneinander reihen sollen. Dadurch entsteht ein abgehackter Stil, der sich ebenso wenig gut lesen lässt. Der Königsweg liegt wie immer dazwischen:

Wechselt längere und kurze Sätze ab und erzeugt so einen angenehmen Groove.

Als Richtwert gilt: Ein Satz sollte nicht mehr als 14 Wörter umfassen.

„Schreibe klar“

Wir sollten uns in der Wortwahl und im Satzbau um maximale Klarheit bemühen. Klare Aussagen fördern die Vertrauenswürdigkeit eines Satzes. Es entsteht nicht der Eindruck, dass es sich nur um „Blabla“ oder heiße Luft handelt. Wir überzeugen mit echten Informationen. Diese fünf Maßnahmen fördern die Klarheit, Verständlichkeit und Vertrauenswürdigkeit eines Satzes:

1. Wir verwenden lieber Aktiv statt Passiv
Beispiel:
Das Produkt wurde mit großer Sorgfalt ausgewählt.
Unsere Experten im Einkauf wählten das Produkt mit großer Sorgfalt aus.

2. Wir vermeiden Wörter mit -ung und -keit
Beispiel:
Nach Beantwortung aller Fragen gehen wir zur Gemütlichkeit eines gemeinsamen Mittagessens über.
Wenn wir alle Fragen beantwortet haben, gehen wir zum gemütlichen Teil über und treffen uns zum Mittagessen.

3. Unnötige Füllwörter streichen wir ersatzlos
Beispiele: auch, ganz, noch, einmal, durchaus, natürlich, ziemlich, schon, eigentlich, dann.

4. Wir packen in jeden Satz nur einen Gedanken.
Beispiel:
Die Funktionskleidung von Odlo hält dank des dichtgewebten Materials selbst bei niedrigsten Temperaturen warm, ist extrem pflegeleicht und kann problemlos in der Waschmaschine bei 40 Grad gewaschen werden.
Die Funktionskleidung von Odlo hält selbst bei niedrigsten Temperaturen warm. Das dichtgewebte, pflegeleichte Material waschen Sie einfach bei 40 Grad in der Waschmaschine.

5. Wir vermeiden Wortmonster & Tautologien (doppelt gemoppelt hält eben nicht besser)
Beispiele:
geschäftsbereichübergreifende Verkaufsförderung
verbraucherdatenorientiertes Produktmanagement
visuelles Erscheinungsbild
qualitativ hochwertige Produkte

„Schreibe bildhaft“

Verwende ausdrucksstarke Verben!

Wenn ihr einen Text überarbeitet, dann kümmert euch mal ganz besonders um die Verben. Sucht hier gezielt passende Synoyme, denn: Die Verwendung von anschaulichen, abwechslungsreichen Verben macht einen Text immer lebendiger und frischer. Welche Verben stilistisch gut passen, kommt allerdings auf die Textart an.

In literarischen Texten sollen im Kopf des Lesers möglichst detailreiche Bilder entstehen. Hier sind Vergleiche, aussagekräftige Verben und die Beschreibung möglichst vieler haptischer und visueller Eindrücke gefragt.

In Verkaufstexten sollen Begehrlichkeiten geweckt werden. Auch hier können mit Emotionen und Bildern gewürzte Texte helfen, den Verkauf zu fördern, gerade, wenn man mit dem Produkt eine haptische oder visuelle Erfahrung verbindet.

Informative Texte sollen schnell und griffig die Informationen vermitteln. Hier ist viel Wortspielerei überflüssig. Die Information muss klar strukturiert und gut verständlich in den Text gepackt werden. Am besten in thematisch geordneten Absätzen. Vorsicht vor Superlativen. Ein informativer Text sollte möglichst neutral formuliert werden, damit er glaubwürdig wirkt. Aber auch einen informativen Text kann man frisch formulieren, wenn man auf Abwechslung achtet.

Variationen beleben den Text
Variieren solltet ihr vor allem die Verben. Und ganz besonders wichtig: Wortwiederholungen vermeiden!

statt „das Produkt hat“: es besitzt – es verfügt über – es beinhaltet

statt „das Produkt ist“: es stellt dar – es steht für – es gilt als

statt „das Produkt macht“: es bewirkt – es verursacht – es erzeugt

statt „er sagt“ : er glaubt – er meint – er erzählt – er bemerkt – er kommentiert

Abwechslung macht Freude
Wenn wir abwechslungsreich schreiben wollen, muss sich das nicht nur auf die Wörter beziehen. Auch der Satzbau bietet viele Möglichkeiten, wie wir ein mehr Pfiff in den Text bekommen. Hier einige Möglichkeiten, wie wir Sätze aneinanderreihen, ohne dass wir uns im Satzbau wiederholen.

Die ständige Aneinanderreihung von Subjekt – Prädikat – Objekt wirkt langweilig:

Beispiel:
Der Ergometer Q-Line ist schnell einsatzbereit. Die Riemenpedale richtet sich von selbst wieder auf und ermöglicht Ihnen einen leichten Einstieg. Der gepolsterte und verstellbare Gel-Sattel gibt Ihnen ein angenehmes Sitzgefühl. Die verschiedenen Trainings- und Herzfrequenz-Programme des Ergometers ermöglichen ein gesundes Ausdauertraining.

Spannender wird es, wenn wir die Möglichkeiten des deutschen Satzbaus ausschöpfen:

1. Umstandsangaben ziehen Inversion nach sich
Besonders angenehm sitzen Sie auf dem gepolsterten Gel-Sattel, der in 5 Stufen verstellbar ist.

2. Beginn mit dem Objekt des Satzes
Einen leichten Einstieg ermöglicht die Riemenpedale, die sich von selbst wieder aufrichtet.

3. Vorangestellter Nebensatz als Satzanfang
Wenn Sie Wert auf ein gesundes Ausdauertraining legen, dann…
Wer auf ein gesundes Ausdauertraining Wert legt, der…

4. Mit dem Wort beginnen, das betont werden soll
Schnell ist der Ergometer einsatzbereit.

Der deutsche Satzbau ist einer der kompliziertesten unter allen Sprachen. Er bietet aber auch immens viele Möglichkeiten. Nutzen wir sie!

Wort-No-Gos

Wolf Schneider hat ein paar No-Gos gesammelt, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Doch das würde ich nicht ganz so dogmatisch sehen. Er ist ein Sprach-Purist, wir aber leben mitten in der Business-Realität, die auch ihre Codes hat.

13 Standardbegriffe, die laut Schneider durch übermäßige Verwendung ihre Kraft verloren haben:

  • Aktivitäten
  • Fokus
  • Herausforderung
  • Inhalte
  • Innovation
  • Kreativität
  • Palette
  • Portfolio
  • Potenzial
  • Prozess
  • Segment
  • Spektrum
  • Synergie

Hand aufs Herz, wer kommt im täglichen Geschäft ohne diese Wörter aus? Geschäftliche Korrespondenz, Meetings und Sich-Wichtig-Machen – hier sind die Begriffe o.k. und anerkannt. Aber für unsere schönen Texte gilt: Je seltener wir diese Begriffe verwenden, desto griffiger, glaubwürdiger und lesbarer wird jeder Text.

Wenn ihr das nächste Mal zum Beispiel einen Text für eure Firmenwebseite schreibt. Dann denkt genau nach: Welche Haltung verbirgt sich dahinter, welche Tätigkeiten, welche Stärken? Versucht diese zu formulieren ohne einen dieser Begriffe zu verwenden. Heraus kommt ein authentischer Text, der die Realität genau abbildet. Ohne blutleeres Blabla.

Sprachklischees: „Mit zunehmender Frequenz nimmt die Ausdrucksstärke ab.“

Abgegriffene Floskeln schwächen die Ausdruckskraft unseres Textes. Solche Wendungen stehen zum Beispiel beim Magazin “Spiegel” auf der Schwarzen Liste für Redakteure. Ich persönlich wäre hier nicht so streng, doch es stimmt schon: abgegriffene Bilder verflachen den Stil.

Beispiele:
aus dem Nähkästchen plaudern
Ende der Fahnenstange
Hunger ist der beste Koch
Liebe geht durch den Magen
die Kuh vom Eis führen
das Handtuch werfen
die Kirche im Dorf lassen
ins Fettnäpfchen treten

So das war es wieder einmal für heute. Das nächste Mal will ich euch ein paar Dinge zur Textstruktur erzählen. Wie immer freue ich mich auf Feedback und bin gespannt, ob diese Tipps für euch hilfreich waren.

GD Star Rating
loading...
Kleine Schreibschule Teil 2: Stilkunde, 4.6 out of 5 based on 18 ratings

Elisabeth

Elisabeth ist der andere Chef der CONTENTmanufaktur GmbH. Sie verantwortet den redaktionellen Teil der Agentur.

More Posts

Bookmark and Share
6 comments
Fuchs
Fuchs

Sehr sehr hilfreich und schön geschrieben. Danke!

Olaf Pleines
Olaf Pleines

Hi! Da kann ich nur sagen super Sache der Artikel ist wirklich schön geschrieben und hilfreich für jene, welche sich redaktionell verbessern wollen ;-) Danke!

Scholzmichel
Scholzmichel

Meine Damen, meine Herren und wie setzten wir das heute gelernte in die Tat um: Üben, üben, üben! Danke für den Beitrag - wie immer genau das, was man wissen will - Danke! :D P.S.: Diesmal hinterlasse ich einen Visit mit erhöhter Verweildauer :D

eric108
eric108

Die Elisabeth, die kann's. Gell? Wir können den Beitrag ja alle 6 Monate auf "aktuell" stellen. Dann haben wir auch Freshness im Content ;-)

Martin Missfeldt
Martin Missfeldt

Großartig. Vielen Dank für diesen Artikel. Auch wenn einiges schon bekannt ist, so vergisst man es doch immer wieder (naja, ich zumindest). Kannst Du den Artikel nicht alle 6 Monate neu schrieben, bitte :-)

Sebastian Socha
Sebastian Socha

Super Artikel! Da kann ich mir nicht nur eine Scheibe, sondern gleich einen ganzen Laib von abschneiden... ich druck mir den Text am besten aus und klebe die Tipps neben meinen Monitor :-) Danke! Sebastian

Trackbacks