Projekt-Tipps für den nächsten Relaunch

Bookmark and Share

Autsch! Und wieder hat es einen Webseiten-Relaunch erwischt. Woran liegt es eigentlich, dass die Neugestaltung eines Shops oder eines Portals fast immer zu einer quälenden und teuren Mission wird? Kann man daran nicht was ändern?

Webseiten Projekt

Detailliert geplant – aber irgendwas ist schief gegangen…

Man kann. Allerdingst nicht, wenn man auf die Tipps hört, die man meist zu diesem Thema liest. Denn da beschweren sich, wie neulich in der Internet World Business, “Projektmanagement-Spezialisten” darüber, dass die Grundlagen des Projektes nicht stimmen: Der Kunde weiß zum Projektstart noch gar nicht genau, wohin er eigentlich will, er lässt sich von hohen Kosten schrecken und nimmt auch nicht den Rat von außen an. Und weil der Kunde dumm ist, kann doch die Agentur nichts dafür, wenn das Projekt schief läuft. Richtig? Nein, falsch!

Denn diese drei Punkte sind nicht die Hauptprobleme sondern überhaupt die Grundlage eines Webseiten-Relanuch-Projekts:

  1. Niemand weiß während der Planung, wie eine Webseite nachher genau ausehen wird. Man kann sich zwar ein grobes Bild machen – aber das seitenlage Aufzählen von Funktionen und Grafik-Elementen im Lastenheft muss Murks sein. Deshalb lässt man das auch besser gleich weg und macht die Detail-Planung immer dann, wenn man sie braucht.
  2. Schon in der ISO-Definition von Projekten steht, dass diese unter begrenzten Ressourcen statt finden. Und da gibt es zwei Wahrheiten: Die eine sagt, dass der Unternehmer möglichst vor dem Relaunch das Budget fest legen muss. Die andere sagt, dass er nur das bekommt, was er bezahlt. Für Kleingeld gibt es nun mal nur kleine Änderungen und keinen großen Wurf.
  3. Weil es SEIN Produkt ist und dieses unverwechselbar sein soll, MUSS der Webseitenbetreiber sogar etwas beratungsresistent und betriebsblind sein. Wer alles macht so macht, wie die Konkurrenz vormacht oder Berater und Dienstleister empfehlen, wird bestenfalls durchschnittlich werden. Und wer möchte das schon?

Steile Thesen, nicht? Aber ich meine das ernst. Das widerspricht zwar dem üblichen “blöder Kunde, blödes Projekt”-Gejammer – aber es beschreibt die Realität. Wir arbeiten in einer dynamischen Branche, in der man nur auf Sicht planen kann. Die Etats sind nicht grenzenlos. Und der Durchschnitt geht im Durchschnitt unter. Wer etwas anderes behauptet, hängt einer statischen Offline-Welt an und glaubt immer noch, dass sich Agentur-Geschäft aus riesigen Konzern-Töpfen speist. Willkommen im Jahre 2012.

1. Plant eure Projekte auf Sicht (und baut ein flexibles System)

Wer kennt das nicht? Direkt nach dem Launch der neuen Seite geht das Gefummle und Geändere los. Zufrieden ist irgendwie keiner, weil das Design und die Architektur anders wirken, als auf den schönen Grafiken des Designers und in den endlosen Excel-Charts mit der geplanten Seitenstruktur. Wieder ein Fall von “Grüner-Tisch-Planung”.

Mein Tipp: Plant einfach auf Sicht! Natürlich braucht man ein Grundlayout. Aber es ist nicht notwendig, dass die Grafikerin alle Seitentypen vorbereitet. Zwischen Layout und Realität wird es ohnehin einen Unterschied geben. Das gleiche gilt für Seitenstrukturen, Funktionen, die Navigation u.s.w.. Geändert wird nachher eh. Deshalb steckt mehr Krafit in ein flexibles System als in den Planungsmarathon vor dem Start.

Es soll übrigens schon Seiten gegeben haben, die in einem großen Projekt – ohne Layout- und Strukturänderung – ihre Seite zunächst nur auf eine flexible Architektur gesetzt haben. Und danach iterativ, also Schritt für Schritt, ihre jeweils aktuellen Änderungen angebracht. Dazu gehören die größten Webseiten Deutschlands…

Und, ja: Ein solches Vorgehen braucht viel Vertrauen zu den am Projekt beteiligten Menschen und Dienstleistern. Wer bei der Auswahl des Projekt-Teams nur auf möglichst geringe Kosten schaut, wird selbstverständlich scheitern…

2. Haltet euch die Rahmenbedingungen immer vor Augen

Schlimmer als ein Unternehmer oder Auftraggeber mit einer engen Budget-Grenze ist ein Auftraggeber, dem irgend wann der Goldesel davon rennt. Wenn alle Beteiligten von Anfang an die finanziellen und personellen Rahmenbedingungen im Blick haben, können sie damit umgehen. Dann können sie vielleicht auch entscheiden, dass ein gerade ausgedachtes Feature unbedingt in den Launch-Umfang kommen muss – aber dafür zwei andere verschoben werden. Auf diese Weise wird im Projektverlauf das Endprodukt nicht nur fertig – sondern auch besser.

3. Mach DEIN Ding – und kopiere nicht den Durchschnitt

Natürlich orientiert man sich bei Layout, Technik, Struktur u.s.w. an anderen Webseiten – und auch an guten Erfahrungen, die man mal gemacht hat. Doch das sollte man nicht übertreiben. Und man sollte niemals von einer veränderten Startseite eines Konkurrenten auf seinen Erfolg danach schließen. Denn vielleicht hat er neben der Startseite auch noch viele andere Dinge verändert – und hat *trotz* dieser Startseite Erfolg gehabt.

Es drei wichtige Grüne, warum ein Unternehmer ein (hoffentlich) erfolgreicher Unternehmer ist: Weil er seinen Job gut macht, weil er seine Branche kennt und weil *irgendwas* besser macht als die Konkurrenz. ER muss der neuen Seite ihre unverwechselbare Note geben, er sagt an, in welche Richtung der Relaunch geht.

Das hat natürlich seine Grenzen: Dort, wo das Spezialwissen des Unternehmers endet (z.B. bei der Server-Konfiguration oder bei der SEO-Struktur) muss er sich zurück lehnen und die Spezialisten machen lassen. Jeder bleibt bei seinen Leisten. Wenn es um harte Fachthemen geht, darf der Unternehmer nichts anderes sein als ein Team-Mitglied im Hintergrund – auch, wenn ihm dabei manchmal das Selbstbewußtsein im Wege sein wird.

Zusatztipp: miteinander reden statt meeten

Darauf komme ich in einem späteren Beitrag noch einmal zurück: Team-Meetings sind verdammt wichtig. Aber nur, wenn sie produktiv sind. Rechnet man aus, was ein Meeting-Tag  mit sieben bis zehn Personen kostet, kommen locker 5.000 bis 10.000 Euro zusammen. In dieser Zeit und mit diesem Geld könnte man so manches Feature einbauen…

Doch, wie gesagt: Dazu ein andermal.

GD Star Rating
loading...
Projekt-Tipps für den nächsten Relaunch, 4.6 out of 5 based on 10 ratings

Eric Kubitz

Eric Kubitz ist einer der Chefs der CONTENTmanufaktur GmbH . Außerdem ist er Redner auf Konferenzen, Dozent bei Hochschulen, schreibt über SEO (und über andere Dinge) und ist der Chefredakteur des SEO-Book.

More Posts - Website - Twitter - Facebook - LinkedIn - Google Plus

Bookmark and Share
4 comments
Stefan999
Stefan999

Hi Eric,

 

These 1 und 2 widersprechen sich etwas. Wenn ich das ausführliche Lastenheft weglasse, habe ich hinterher das Problem, dem Kunden zu sagen, dass er nur bekommt, was besprochen war. Aus der Erfahrung kann ich sagen, dass man zwar nicht jedes einzele Grafikelement beschreiben muss, aber die Funkktionen müssen schon SEHR genau beschrieben werden, damit man später als Agentur nicht draufzahlt.

eric108
eric108 moderator

 @Stefan999 Nein, ich finde nicht, dass sich das widerspricht. Wie gesagt: Es geht um Vertrauen, gegenseitig. Wenn du als Agentur den Kunden zwingst, die Funktionen sehr genau zu beschreiben damit du einen Preis drunter schreiben kannst, wird irgend ein Mitarbeier irgendwas da definieren. Live und im Web wird das ganz anders ausschauen. Warum sollte man das dann umsetzen? Weil es irgendwo steht? Bitte nicht!

Natürlich benötigt ein solches Vorgehen neben dem Vertrauen auch eine sehr intesive Kommunikation zwischen Kunde und Agentur - aber dafür passt das Produkt nachher.

 

Genau das, was du ansprichst, ist das Problem: Sowohl Kunde als auch Agentur glauben, vor dem Projektstart alles so definieren zu können, dass es "nur" noch umgesetzt werden muss. Doch das funktioniert nur dann, wenn ich Copy&Paste arbeite. Und da steht Grundsatz 3 dagegen...

KennstDuEinen
KennstDuEinen like.author.displayName like.author.displayName 2 Like

"Deshalb steckt mehr Krafit in ein flexibles System als in den Planungsmarathon vor dem Start."

 

Hi Eric,

 

Klasse Artikel mal wieder!

 

Zu dem Zitat oben:

Ohne Planungsmarathon geht's auch nicht. Nur sollte sich dieser weder über esoterische Markenbildungs-Auswertungen noch über detaillierte Design-Funktionalitäten bzw. dasoftmals wenig zielführende Superspezial-Feature der Geschäftsführung erstrecken.

 

Man kann zu Beginn nämlich richtig viel Arbeit bei der Recherche von Keywords im Zusammenhang von expliziten Business-KPIs und enstprechend zusammenhängenden Seitenstrukturen reinstecken.

 

Das ist dann immer noch "auf Sicht" solange man sehr konkret bleibt und jeder URL ein bis max. zwei Zielstellungen zuweist. Dann ufert das auch nicht aus, kann jedoch sukzessive aufgebohrt werden, um weitere Keywords mit den damit zusammenhängenden Nutzerbedürfnissen zu bedienen.

 

Wenn dabei auf ein flexibles System geachtet wird, kann man es anschließend genau so machen, wie du es beim Marco Janck http://www.seonauten.com/content-is-king-bedeutet-nicht-massenware/ kommentiert hast:

 

"Wenn man mal hergeht, und seine Artikel in drei Kategorien einteilt, wird man schnell die Umsatzbringer, die “ok”-Produkte und das Zusatzsortiment definieren können. Und je nach Kategorisierung schreibt man dann schöne, lange, unique, kluge und kreative Texte, “ordentliche” Texte und bei der letzten Kategorie keine Texte. Auf diese Weise kanalisierst du deine Kraft dorthin, wo sie gebraucht wird."

 

Mein Spruch bei Workshops lautet in diesem Zusammenhang zumeist:

"Kann mal bitte jemand den leitenden Produktentwickler und jemanden von der Sales-Abteilung hinzuholen...?"

 

In diesem Sinne wünsch' ich Dir einen schönen Freitag :-)

 

Gruß,

Sebastian

 

 

eric108
eric108 moderator

 @KennstDuEinen Danke für diese Ergänzung. Ganz richtig: Man kann sogar verdammt viel planen - wenn man sich dann nicht in theoretischen Details verliert.

 

Und dein Wunsch nach den andren Abteilungen ist extrem wichtig!!!