Moderne SEO-Mythen

Ob Kundenanfragen, andere Blogs oder Fachgespräche: Wir werden immer wieder mit überholten, starren SEO-Mythen konfrontiert. Damit meine ich irrwitzige Textlängen, seltsame Verllnkungs-Strategien und technische Pseudo-Tricks. Ich zähle hier einige auf – und würde mich freuen, wenn ihr mir eure zur Ergänzung zuschickt.

seo mythen

1: „Ein SEO-Text muss 300, 500 oder 1000 Wörter Umfang haben“

300 Produkt-Texte mit mehr als 1000 Wörtern? *seufz* Wer immer noch glaubt, dass Google die Qualität von Content mit dem Wortzähler definiert, liegt falsch. Und zwar so was von falsch…

Natürlich ist ein ausführlicher Text besser als ein kurzer Satz – wenn der ausführliche Text Inhalt enthält. Aber 1000 Wörter über „Kleiderbügel“? Das ist im besten Fall unnötig. Denn Google kann mittlerweile die Verweildauer und die Interaktion mit einer Seite messen. Wozu dann sinnlose Wörter zählen? Ich gehe sogar noch weiter: Wenn du lange Texte im nicht sichbaren Bereich platzierst, dürfte das für Google ein hübsches Signal dafür sein, dass du den Crawler in die Irre führen willst. Und betont lange Texte, um einen Backlink darin zu verstecken, dürften für die Ingenieure in Mountain View ein gefundenes Fressen für den Spam-Algorithmus sein.

Mein Tipp: Schreibe so viele Informationen zu einem Thema auf, wie du bekommen kannst. Und höre dann auf zu schreiben. Vielleicht kannst du dich ja ein bisschen an der Konkurrenz orientieren (ihr wisst ja: „Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss.“). Aber bitte orientiere dich dann nicht an offensichtlichen SEO-Texten…“

2: „Die H1 (oder die H2) muss immer… darf niemals …“

Glaubt mir: Google ist heute viel intelligenter als vor, sagen wir mal, zehn Jahren. Diese HTML-Schach-Regeln kommen aus einer längst vergangenen Zeit, in der Google mit solchen Hilfkonstrukten arbeiten musste. Das gilt auch für einige andere OnPage-Themen.

Also baut eine semantisch korrekte Seite. Aber haltet euch nicht ewig mit technischen Kleinigkeiten auf. Ob die Dachzeile die H1 und die Hauptüberschrift die H2 ist? Völlig egal! Hauptsache ihr HABT eine Dachzeile…

Mein Tipp: Macht eure Seite schnell, verständlich und strukturiert eure Inhalte darauf ordentlich. Das passt schon…

3: „Ein Backlink pro Domain“

Auch so was: Die guten, alten Linkbuilder haben die Domain-Popularität als wichtige KPI entdeckt und versuchen, ihre Backlinks von möglichst vielen Domains zu holen. Das ist einmal vielleicht der Glaube an eine längst nicht mehr wichtige Domainpopularität, vielleicht aber auch nur eine Kosmetik für das „Erfolgsreporting“ gegenüber dem Kunden. Wie auch immer: Ich halte das für fahrlässig.

Denn: Was bedeutet es, wenn du einen Link von einer Webseite bekommst? Zum Beispiel, dass die dich halt einfach mal so verlinkt haben. Oder vielleicht, dass du dir dort einen Link gekauft hast. Und was bedeutet es, wenn du einen zweiten Link bekommst? Dass die dich immer noch lieb haben. Und weil Linkbuilder meist keinen zweiten Link von einer Domain akquirieren, ist das vielleicht auch ein Signal, dass dank des zweiten Links der erste überhaupt „getrustet“ ist. Wie wäre es mit dieser Interpretation?

Mein Tipp: Vergrabt euch nicht in solche starren Regeln, sondern versucht WIRKLICH natürliches Linkbuilding zu betreiben. Zum Beispiel, indem ihr immer mal wieder coolen Inhalt habt und dann diejenigen davon informiert, die euch mögen. Etwa die, die euch schon mal verlinkt haben.

4: „Ein perfekter SEO-Text baut die WDF*IDF-Kurve nach“

Preisfrage: Wer murmelt immer wieder den Satz „DU SOLLST NICHT NACH KURVEN SCHREIBEN!“ vor sich sich hin? Richtige Antwort: Karl Kratz. Ihm haben wir das WDF*IDF-Zeugs zu verdanken (und das meine ich durchaus positiv) – aber selbst er bekommt die Geister, die er damit rief, nicht mehr unter Kontrolle.

Bedenkt doch bitte zwei Dinge: Wenn ihr eine WDF*IDF-Analyse über einen Haufen SEO-Text-Seiten laufen lasst, oder wenn ihr bei einem Keyword gut ranken wollt, in dem wenig textlastige Seite auf den ersten Positionen stehen. Was glaubt ihr, wie hoch der inhaltliche Wert der WDF*IDF-Nebenkeywords ist? Und glaubt mir: Das wird auch schon einem Mitarbeiter von Google aufgefallen sein.

Mein Tipps: Orientiert euch an den so genannten Proof-Keywords, DIE SINNVOLL SIND. Vermeidet Bullshit-WDF*IDF-Bingo und nehmt diese Analysen als Themen-Recherche. Und am Ende packt noch eigenen Inhalt (also eigene Themen) mit drauf. Denn es ist nicht zu übersehen, dass es Google schätzt, wenn man zu einem Thema etwas mehr weiß als der Wettbewerb.

Und noch etwas zum WDF*IDF-Komplex: Lasst euch mal durch den Kopf gehen, was die Kurve aussagt. Es geht darum, ob ihr den Inhalt zum Keyword – gemessen an den momentan top-rankenden Seiten – ordentlich erfasst habt. Und wie schaut es in zwei Wochen aus? Da sich die Suchergebnisse bei manchen Keywords täglich ändern, bei anderen wöchentlich oder monatlich, ist dann die WDF*IDF-Kurve nur noch eine Erinnerung an die Vergangenheit. Ich will damit zwei Dinge sagen: Erstens ist die WDF*IDF-Kurve von heute nach dem Schreiben und Veröffentlichen des Textes möglicherweise schon wieder Vergangenheit. Und zweitens solltest du deine Seiten immer aktuell halten.

Mein Tipp: Freshness rules! Du musst deine Inhalte nicht ständig aktualisieren. Aber wenn du deine Rankings in den SERPs beobachtest und dein Ranking sinkt, solltest du dich inhaltlich (!) mit deiner Seite beschäftigen.

5: „SEO = Linkaufbau“

Ja, es gibt immer noch Kollegen und Kolleginnen, die SEO mit Linkbulding verwechseln. Ich will das gar nicht diskutieren, dazu hatten wir in den vergangenen Jahren ja schon Zeit genug. Aber einen Punkt möchte ich hervorheben: Habt ihr euch schon einmal überlegt, WARUM ein, äh, normaler Online-Redakteur eine andere Seite verlinkt? Überlegt er sich „Mensch, heute setze ich mal einen Link auf die Seite www.auch-eine-shop-domain.de/produktkategorie/produkt/“? Vermutlich nicht! Er braucht einen Anlass dazu.

Und was könnte ein sinnvoller Anlass sein, um einen Link zu setzen? Genau: neuer oder frischer Content. Und wisst ihr was? Ich könnte mir vorstellen, dass einer von den tausenden Mitarbeitern bei Google auch darüber schon einmal nachgedacht hat. Deshalb halte ich es auch für plausibel, dass frische Backlinks besser wirken, wenn sie auf neuen oder aktualisierten Content zeigen. Das ist jedenfalls unsere Erfahrung.

Mein Tipp: Wenn du schon viel Geld für Linkbuilding ausgibst, achte darauf, dass diese Arbeiten mit einer Aktualisierung der Inhalte einher gehen. Dann machst du mehr aus deinem Invest.

6: „Die Domainpopularität sollte immer moderat wachsen“

Ein Teil dieser Aussage ist sicher richtig: Dass es immer gut tut, wenn die Zahl der Links wächst – vorausgesetzt, dass es sich um vertrauenswürdige Seiten handelt. Aber warum „moderat“? Viele Linkbuilder geben immer noch die Strategie aus, dass man am besten mit ein paar Links pro Monat wächst und ein sprunghafter Anstieg ungünstig wäre. Auch das ist Unfug.

Wenn guter Inhalt wirklich Links nach sich zieht, dann darf extrem guter Inhalt doch auch extrem viele Links nach sich ziehen. Es gibt nun mal eine Hype-Kurve die besagt, dass es einen Hype und danach ein Tal gibt. Ein stetiger Anstieg von Backlinks könnte also sogar ein hübsches Signal für Linkbuilding bedeuten. Meint ihr nicht?

Mein Tipp: Lass dich von solchen Regeln nicht verunsichern. Das hat früher sicherlich irgendwie Sinn gemacht. Aber wenn du viele Links auf einen Schlag bekommen kannst: GREIF ZU!

7: „Ich brauche 50 Prozent Deepling-Ratio“

Klar, natürlich ist es in den meisten Fällen besser, wenn auch Unterseiten verlinkt werden. Wer das aber an einem festen Wert bindet, versteht die Vielfältigkeit des Internet nicht.

Ich würde sagen, dass die interessantesten Unterseiten (vielleicht die, mit dem meisten Traffic?) die meisten Links haben werden – in einer Nicht-SEO-Welt. Naja, aber das klingt auch schon wieder nach einer sturen Regel.

Mein Tipp: Auf welche Unterseiten bist du denn besonders stolz? Was wird die User (und andere Webredakteure) besonders interesieren? Nun, mit ein bisschen Seeding und etwas Glück werden das wohl die am besten verlinkten Seiten sein…

8: „Ausgehende Links sind schlecht für mein Ranking“

Liebe SEO-Kollegen: Am Linkgeiz da draußen ist unsere Branche schuld! Und natürlich ist Linkgeiz ziemlicher Blödsinn. Denn wenn ihr Google wäret und eure Weltherrschaft auf der Berechnung von Backlinks gegründet ist – würdet ihr dann Webmaster benachteiligen, die Links setzen? Nein? Nun, dann…

Na gut, 1000 ausgehende Links auf einer Unterseite ist irgendwie komisch und macht auch für den User keinen Sinn. Aber vernünftig weiterführende Verweise auf weitere Webseiten bzw. Quellen sind der Herzschlag des Internets. Also bietet sie euren Usern.

Mein Tipp: Macht auf eurer Seite das, was ihr richtig gut könnt (z.B. gute Ratgebertexte, lustige Videos, tolle Infografiken) und verlinkt den Rest. Achtet darauf, dass ihr keine miesen Linknetzwerk-Affiliate-Sumpf-Seiten verlinkt. Aber warum solltet ihr das denn auch tun?

9: „Wenn meine Sichtbarkeit bei (Sistrix, Searchmetrics, Seolytics u.s.w.) steigt, wird alles gut“

Die Wahrheit ist: Unsere Tools sind (fast alle) super! Die Wahrheit ist aber auch: Sie messen genau das, was sie messen können. Und weil keiner der Betreiber alle Keywords (und schon gar nicht in deiner Gewichtung) monitoren kann, sind deren Sichtbarkeitskurven nur eine mehr oder weniger gute Näherung. Das gilt auch für die OnPage-Tipps von Onpage.org und Strucr sowie die Detox-Bewertungen der Link Research Tools.

Hey: Ich will mich jetzt nicht mit all den klugen Leuten bei den genannten Toolbetreibern anlegen. Aber ihr SEO-Book-Leser solltet genauso wie sie wissen, dass sie alle nur einen Ausschnitt der Realität messen können. Und keiner von ihnen hat ein Wurmloch zum Google-Algorithmus.

Mein Tipp: NUTZT. DIE. TOOLS. Aber vertieft euch nicht darin, alle Balken darin auf „grün“ zu stellen und tretet auch manchmal vom Schreibtisch zurück und macht euch klar, welche „Mess-Kraft“ Google hat – und wie viel die Toolbetreiber. Und, ja, man könnte das auch so verstehen, dass ich der Meinung bin, dass ein gutes Tool auch gutes Geld kosten MUSS. Ein Billig-Tool bietet halt auch billige Daten…

10: „Zuerst bauen wir die Webseite, dann kümmern wir uns um SEO“

Das ist genau genommen kein SEO-Mythos, weil es dabei jedem Suchmaschinen-Optimierer die Fußnägel hoch rollt.

Trotzdem erkläre ich das mal: SEO ist keine zusätzliche oder optionale Werbemaßnahme, die man an eine bestehende Webseite dran schrauben kann. Sondern eine Frage von Inhalt, interner Struktur (Verlinkung) und HTML. Mit anderen Worten: Wer erst die Seite baut (oder relauncht) und dann den Suchmaschinenoptimierer dran lässt, zahlt doppelt.

Mein Tipp: Lasst euch in der Konzeptionsphase von einem, der sich sich auskennt, beraten. Und das ist meistens nicht derjenige, der die Seite baut…

11: „Ich baue eine Landingpage für SEO“

Was macht ein Seitenbetreiber, der sich hinsichtlich der Anforderungen von Google unsicher ist oder glaubt, die Typen in Mountain View verlangen kruden Blödsinn? Er baut Landingpages mit viel Text und hofft, dass der Crawler diese begeistert in den Ranking-Olymp hebt. Man kann eigentlich kaum falscher liegen.

Denn mit die größten Entwicklungen in den Google-Labors waren wohl Ranking-Faktoren wie Verweildauer, Bouncerate, Klickraten, Interaktivität mit Webseiten, Social Signals, Traffic u.s.w.. Alles Signale, die nicht von der zu bewertenden Seite ausgehen sondern von den Usern, die diese gesehen haben. Wenn du nun eine Landingpage baust, die nur für den Google-Crawler zu finden ist – wird er genau das wissen.

Und noch eines: Parallel dazu werden häufig auch noch SEA-Landingpages als Ziel für die AdWords gebaut. Warum? Ist deine „eigentliche“ Produktseite nicht conversion-stark? Dann solltest du vielleicht zunächst diese ändern. Oder? Na gut, aber da mische ich mich vielleicht auch in ein Thema ein, das nicht meine Spezialität ist…

Mein Tipp: Stecke all deine Energie in die besten Seiten für den User – und baue sie halt so, dass der Crawler darüber nicht stolpert. Und falls du auf einen Punkt stößt, bei dem deine Meinung und Googles Anspruch auseinander driften, vertraue darauf, dass Google ganz gut weiß, was User gut finden und was nicht. Denn immerhin hat Google dafür eine deutlich großere Datengrundlage als du…

Don’t panic: Google ist halt klüger geworden

Es gibt wohl zwei „Fehlerquellen“, wenn es um SEO-Mythen geht: Erstens ist da noch viel altes, aber überholtes Wissen, das wir einfach nicht „tot“ bekommen. Deshalb: Immer, wenn dir der Sinn eines angeblichen Ranking-Faktors nicht einleuchtet – hinterfrage ihn. Nicht vergessen: Google will immer den besten Inhalt anzeigen. Und weil die Entwickler dort diesem Ziel täglich näher kommen, können sie auf Hilfskonstrukte verzichten.

Die zweite Fehlerquelle sind unsere vielen Tools: Wenn ein deutscher Mr. SEO-Gadget irgendwo einen roten Balken sieht, tut er alles, um ihn grün zu bekommen. Und er vergisst dabei vielleicht andere, viel wichtigere Ranking-Faktoren. Das ist in etwa so, wie wenn du eine leuchtende Öldrucklampe im Auto mit Pressluft zum Erlöschen bringst. Dann ist sie zwar wieder „grün“ – aber dein Problem hast du damit nicht gelöst. Deshalb: Glaube nicht, dass irgendein Tool ALLES weiß. Vertraue deinen Werkzeugen nur bis zum gesunden Menschenverstand – und keinen Milimeter weiter.

Foto: © littleny – Fotolia.com

Eric Kubitz

Eric Kubitz ist einer der Chefs der CONTENTmanufaktur GmbH . Außerdem ist er Redner auf Konferenzen, Dozent bei Hochschulen, schreibt über SEO (und über andere Dinge) und ist der Chefredakteur des SEO-Book.

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