Scrollen statt klicken: besser keinen Content mehr ver(st)decken

hidden contentInhalte, die sich der Besucher erst erklicken muss, werden von Google nicht (mehr) ernst genommen. So ähnlich könnte man die Aussagen von John Müller interpretieren, die er vor einigen Tagen gemacht hat. Sollen wir das ernst nehmen?

Die Rede ist von „hidden content“, also Inhalt, der hinter einen Tab, einem „mehr lesen“-Link oder in einer Zieharmonika gefangen ist und vom User per Mausklick befreit werden will. Hier drei Beispiele für solcherart verdeckten Inhalt:

Der üblichste Fall ist wohl eine Reiter-Navigation, wie hier bei hse24:

reiternavigation

Das macht man wohl, um möglichst viele Produkte, Teaser oder was auch immer im sichtbaren Bereich unterzubrigen. Im sichtbaren Bereich? Nun ja, eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Wer sich mit den Produkten beschäftigen möchte, muss erst einmal lesen. Und wer sich hier bei HSE24 für aktuelle Schnäppchen interessiert, muss dies gedanklich mit „Neueste Reduzierungen“ verketten. Dies ist möglicherweise ein Corporate-Speach-Unfall. Ein Zweck für die Art dieses Teasers ist unbestreitbar: Falls diese Reiter automatisch duchswitschen, ist für Aufmerksamkeit gesorgt.

zieharmonika

zieharmonika

Etwas Konzentration brauchen auch die Leser vom Handelsblatt. Man möchte den Leser vor übermäßigem Scrollen schützen und zeigt ihm die größten Versicherer in Rängen an. Für alle, die Spiel und Spannung lieben, eine super Lösung. Denn die Information muss erst erarbeitet werden. Wer auf der Suche nach schnellen Informationen ist, wird sich ärgern.

Drittes Beispiel: Bei Otto sieht der Leser einen Link auf „mehr Details“ und kann drauf klicken.

Sprungmarke

Doch – oooops – da klappt ja doch nichts auf – sondern eine Sprungmarke führt den Leser in den unteren Teil der Seite, wo – nun ja – mehr Details zum Produkt vermerkt sind. Hier wird der Inhalt also nicht von einem Layer verdeckt sondern ist weiter untern auf der Seite sichtbar. Und der Link führt den Besucher dorthin. Also: DAS IST KEIN VERDECKER INHALT – den findet Google vollwertig. Geht also doch…

Sind verdeckte Inhalte eine Lösung?

Also fassen wir zusammen: Es gibt offenbar das Bedürfnis, dem Leser nicht zu viel Text zuzumuten – aber gleichzeitig ist der Wunsch da, Google von all dem Inhalt möglichst im oberen Teil der Seite zu informieren. Beides macht Sinn – wenn der Text bzw. der Inhalt für den Leser nicht sonderlich nützlich oder interessant ist aber den Google Crawler über das Produkt informieren soll.

ABER: Ist das eine vernünftige Strategie? Ich gehe in diesem Punkt mit Google und meine auch, dass Text (meist) nicht versteckt werden sollte. Aus folgenden Gründen:

  1. Scrollen ist leichter als Klicken: Wieso soll ich den Leser zwingen, ein kleines Dreieck, ein kleines Wort oder ein „mehr“ anzuklicken, wenn er doch mit seinem Scrollrad ganz gut umgehen kann? Und überhaupt: Denkt mal an alle, die mit ihrem Handy surfen. Da sind solche „weiter“-Klickst kaum zu sehen, geschweige denn zu treffen.
  2. Dein User hasst die Ungewissheit: Wenn ich – wie in dem Handelsblatt-Beispiel – die eigentliche Information nicht erkennen kann, fühle ich mich etwas an der Nase herum geführt. Ich weiß nicht, worauf ich mich darauf einlasse, wenn ich mich durch solche Texte klicke. Also lasse ich es lieber.
  3. Weniger Text ist NICHT besser: Das Argument, dass lange Texte abschrecken, gilt nicht. Soviel ich weiß, funktioniert die Wikipedia eigentlich ganz gut. Und dort sind richtig lange Texte. Aber warum funktioniert das? Weil sie strukturiert sind mit Zwischenüberschriften, vernünftigen Absätzen u.s.w.. Klar, das macht Arbeit – aber es hilft dem Leser, sein Bedürfnis nach Struktur zu stillen. Merke: Weder lange noch kurze Texte sind besser – der Inhalt entscheidet die Länge.
  4. Im Web kann jeder machen was er will – aber die User machen nicht immer mit: Unfassbar, welche abgefahrenen Weiter- oder Mehrinfo-Klick-Konzepte es gibt. Mal ist es ein Pfeil, der erst auftaucht, wenn man mit der Maus drüber geht, mal irgend ein Wort irgendwo (der Schönheit nicht einmal unterstrichen und dadurch als Link zu erkennen) und manchmal ganz schräge Balken, die den Begriff „Zieharmonika“ ganz wörtlich aufgreifen. Meint ihr, die Leser haben Lust, sich durch so etwas durchzuarbeiten?
  5. Was ist mit den Besuchern von Google? Wer auf Google nach „Pomade für den Männerbart“ gesucht hat, darf mit Recht erwarten, dass er sich nicht erst zu dieser Information durchklicken muss. Oder?

Ihr merkt: Ich bin befangen. Und ich bin der Meinung, dass Google es richtig macht, wenn versteckter Inhalt zumindest reduziert für die Bewertung einer Seite aufgenommen wird. Vermutlich ist das auch eine Reaktion auf die vielen, endlosen Kategorie-Beschreibungen in Online-Shops, die meist eh nur aus Spam-Gründen eingebaut wurden – und zurecht versteckt werden müssen.

Und trotzdem: Ich bin nicht Meinung, dass man gar keine „Versteckungen“ mehr machen sollte. Es gibt einige gute Gründe dafür:

  • Weniger interessante Informationen: Etwa in Shops für die Beschreibung des Bestellvorgangs, der ja vermutlich auf jeder Artikelseite identisch dargestellt wird. Der kann tatsächlich versteckt und erst bei Klick angezeigt werden. Was übrigens dann wieder ein bisschen dabei hilft, Duplicate Content zu vermeiden.
  • Detail-Informationen für Spezialisten: Die tiefen Spezifikationen für technische Produkte darf man schon etwas schwerer zugänglich machen. Vorausgesetzt, deren allgemein verständliche Zusammenfassung ist auf den ersten Blick zu lesen. Also eine schöne Produktbeschreibung sichtbar – die Detail-Tabelle „dahinter“.
  • Spielerische Elemente oder Teaser: Ich klicke mich gerne bei iTunes durch die dort angebotenen Filme. Warum auch nicht? Ich habe ja einen klaren Need und dafür scrolle ich sogar quer 😉 Aber auch in diesem Fall habe ich das Gefühl von absteigender Wichtigkeit…

„Aber alle machen das doch so!“

Ich weiß schon, warum viele diesen Artikel hassen: Weil sie es gerade anders gebaut haben und finden, dass es doch alle so machen. Warum jetzt wegen Google wieder alles ändern? Man hat doch die langen Texte wegen Google gemacht und sie dann wegen der Leser versteckt. Das soll jetzt nichts mehr bringen????

Zwei Dinge dazu:

Erstens habe ich niemals empfohlen, besonders lange Texte für Produkt- oder Kategorie-Beschreibungen zu schreiben. Wir empfehlen GUTE Texte und nicht LANGE Texte. Das ist meist ein erheblicher Unterschied…

Und zweitens: „Alle“ gibt es nicht. Um Beispiele zu finden, habe ich so an einigen Stellen gesucht – und nur noch selten gefunden. Schaut euch mal bei Zalando, Computeruniverse oder Otto um: Da gibt es keine verdeckten Inhalte mehr auf den Produktseiten. Ähnlich wie bei Amazon. Offenbar sind die SEO-Stars unter den Shops schon da, wo Google gerade erst ankommt. Interessant, oder? Und ein guter Grund, selbst tätig zu werden.

Was will ich damit sagen? Es geht auch ohne „hidden“ Content, Konzepte hierfür sind reichlich zu sehen. Also zeigt halt, was ihr zu zeigen habt 😉

Hier noch das Video, in dem John Müller (bei 10:45 min) einiges dazu sagt:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
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Eric Kubitz

Eric Kubitz ist einer der Chefs der CONTENTmanufaktur GmbH . Außerdem ist er Redner auf Konferenzen, Dozent bei Hochschulen, schreibt über SEO (und über andere Dinge) und ist der Chefredakteur des SEO-Book. Jetzt schreibt allerdings mehr auf dem Contentman

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